Am 24.11.2025 stand meine vorletzte ambulante Chemotherapie an. Wie so oft brachte mich mein Freund morgens ins Krankenhaus. Dort begann alles mit der vertrauten Montagsroutine: PICC-Verbandwechsel, Blutabnahme und das Warten auf die Ergebnisse. Als klar war, dass alle Werte passten, bekam ich meine Medikation und kurz darauf wurde mit der Chemo begonnen.
Schon nach der Therapie merkte ich, dass diesmal alles etwas schwerer war. Ich war extrem müde, meine Augen schmerzten und selbst einfachen Gesprächen zu folgen fiel mir schwer. Deshalb holte mich meine Mama ab und wir fuhren nach Hause. Ohne lange zu überlegen ging ich früh ins Bett – mein Körper zeigte mir ganz deutlich, dass er jetzt Ruhe brauchte.
Am nächsten Tag fühlte sich alles überraschend anders an. Trotz der anhaltenden Gefühlsstörungen in den Fingern und dem starken Zittern ging es mir insgesamt besser als erwartet. Diese ungewohnte Energie machte sich besonders am Nachmittag bemerkbar, als ich mit Hannah (9), die Tochter der Freundin meines Papas, Schneemann bauen ging. Ich hatte einen richtigen Bewegungsdrang und konnte kaum stillsitzen. Auch wenn das viele Auf und Ab bei uns ziemlich anstrengend war, tat es unglaublich gut. Draußen zu sein, frische Luft zu spüren und mich zu bewegen, ohne ständig Angst zu haben, gleich zu kollabieren, war befreiend. Für einen Moment konnte ich einfach Kind sein, im Schnee spielen und alles andere vergessen. Da es in meinem Ort nicht oft schneit, war dieser Nachmittag etwas ganz Besonderes für mich.
Währenddessen näherte sich auch das Ende der Schulzeit für dieses Jahr. Durch unseren blockweisen Unterricht war diese Woche die letzte, bevor es wieder ins Praktikum ging. Als Abschluss stand am Donnerstag ein Ausflug nach Wien zum Pflegekongress an. Mir war sofort klar, dass ich unbedingt mitfahren wollte – wegen meiner Klasse, aber auch aus eigenem Interesse. Um mir dafür genügend Kraft zu bewahren, blieb ich Dienstag und Mittwoch bewusst zu Hause und ruhte mich aus. Da wir ohnehin nur am Nachmittag Unterricht hatten, versäumte ich nicht viel.
Am Mittwoch merkte ich jedoch deutlich, wie schnell der Körper abbaut. Ich schlief lange und spürte bereits am Morgen einen leichten Muskelkater. Es ist erschreckend, wie rasch sich Muskeln verändern, wenn man sich über längere Zeit kaum bewegt. Vor meiner Diagnose war ich zwar auch nicht besonders sportlich, doch allein der Alltag brachte Bewegung mit sich. Im Krankenhaus sammelte ich an manchen Tagen sogar über 20.000 Schritte. In den letzten Wochen hingegen gab es viele Tage, an denen ich wahrscheinlich nicht einmal 5.000 Schritte erreicht habe. Wenn sich der Alltag nur zwischen Couch, Küche, Bad und Schlafzimmer abspielt, bleibt nicht viel übrig.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – freute ich mich sehr auf Wien und vor allem darauf, meine Klassenkameraden wiederzusehen. Am Donnerstagmorgen fuhr ich zu meiner Schulkollegin Selina, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Selina war und ist in dieser Zeit eine riesige Stütze für mich. Egal ob es um schulische Dinge geht oder einfach darum, jemanden zu haben, der zuhört – ich weiß, dass sie immer da ist.
In Wien übernachteten wir bei meiner Schwester Angelika, die zu diesem Zeitpunkt – wie so oft – auf Urlaub war. Wo genau sie unterwegs war, weiß ich gar nicht mehr, bei ihren vielen Reisen komme ich kaum noch mit.
Der Pflegekongress selbst konnte meine Erwartungen leider nicht ganz erfüllen. Wir hatten uns mehr erhofft – größer, spannender, informativer. Doch was der Nachmittag nicht bot, holte der Abend mehr als nach. Gemeinsam mit unserem Klassenvorstand gingen wir essen und ließen den Tag anschließend bei einem Punsch auf dem Weihnachtsmarkt ausklingen. Es war ein langer, intensiver Tag, aber jeder Moment davon war es wert.
Im Nachhinein betrachtet wirkt es fast unvernünftig. Aus medizinischer Sicht würde ich niemandem raten, kurz nach einer Chemotherapie Zeit in großen Menschenmengen zu verbringen – vor allem in der Jahreszeit, in der gefühlt jeder erkältet ist. Doch ehrlich gesagt hätte mir das ohnehin niemand ausreden können. Ich wollte dabei sein, dazugehören, leben.
Nach diesem intensiven Ausflug verbrachte ich das restliche Wochenende bewusst ruhig. Am Montagmorgen fuhr ich erneut zur Routinekontrolle ins Krankenhaus. Da dieser Tag der 1. Dezember war, nahm ich ein paar Schoko- und Süßigkeiten-Adventskalender für die DGKP’s mit. Es war mir ein Bedürfnis, mich auf diese Weise zu bedanken – für ihre Geduld, ihre Freundlichkeit und ihr offenes Ohr in all dieser Zeit.
Die restliche Woche war gefüllt mit Geburtstagsfeiern, denn im Dezember haben erstaunlich viele Menschen in meinem Umfeld Geburtstag. Da der 8.12. ein Feiertag war, fand die letzte Chemo am Dienstag, dem 9.12., statt. Während ich das hier schreibe, steigen mir die Tränen in die Augen. Ich bin unendlich dankbar, dass dieses Kapitel nun sein Ende gefunden hat.
Doch wie die letzte Chemo war erzähle ich euch nächste Woche. 🤍
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