13) Zwischen Blutwerten, Blicken und kleinen Siegen

Veröffentlicht am 21. Dezember 2025 um 14:00

Am Montag, dem 3.11., ging ich – wie jeden Montag – zum PICC-Verbandwechsel und zur Blutkontrolle auf die Ambulanz. Wie ich bereits im letzten Blog erwähnt habe, war mein Wochenende ziemlich turbulent. Mein Kreislauf machte mir große Probleme, deshalb hatte ich am Montagmorgen auch etwas Angst, dass ich wieder eine Neutropeniehaben könnte. Noch mehr als davor hatte ich jedoch Angst vor einer erneuten Isolation.

Die Blutkontrolle zeigte dann, dass ich dieses Mal nicht zu wenige, sondern sogar zu viele Neutrophile hatte. Leider war das fast der einzige Wert, der zu hoch und nicht zu niedrig war. Deshalb durfte ich trotzdem nicht in die Schule gehen – das Risiko, mich anzustecken, war einfach zu groß. Innerlich hat mich das total genervt, vor allem weil wir am nächsten Tag eine Prüfung in Pflegeforschung gehabt hätten. Ich wusste zwar, dass ich den Test nachholen kann und dass es für die Schule und meine Lehrerin kein Problem ist, aber es hat mich trotzdem geärgert. Ich hatte mich vorbereitet und wäre einfach gerne dabei gewesen.

Manchmal beschwere ich mich da wirklich auf hohem Niveau. Dann denke ich mir, dass es anderen während ihrer Therapie viel schlechter geht – und ich rege mich darüber auf, dass ich nicht in die Schule kann. Trotzdem sind diese Gefühle eben da.

Also fuhr ich wieder nach Hause und nahm den Rest der Woche online am Unterricht teil. Direkt in der Schule zu sein ist natürlich immer besser, aber ich bin sehr froh über diese Möglichkeit. So konnte ich wenigstens akustisch dem Unterricht folgen. Im Laufe der Woche merkte ich, wie sich mein Zustand von Tag zu Tag besserte. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass ich am kommenden Montag wieder zur Chemo muss und sich mein Zustand höchstwahrscheinlich erneut verändern wird.

Am Montag, dem 10.11., war ich dann bei meiner zweiten ambulanten Chemotherapie – wie immer mit der gleichen Montagsroutine. Bevor ich jedoch meine Chemo bekam, wurde noch ein Herz-Echo gemacht, so wie bereits am 15.9. Dabei wurde kontrolliert, ob die Chemotherapie mein Herz beeinträchtigt hat. Zum Glück war alles in Ordnung, und die Therapie konnte wie geplant beginnen.

Nach der Therapie ging ich in unsere Wohnung und wartete auf Magda. Sie erzählte mir von ihrem Schultag und hielt mich, was den Unterrichtsstoff betrifft, auf dem Laufenden. In den nächsten Schultagen hatten wir ein Deeskalationstraining, das sehr lebhaft war. Darüber war ich richtig froh, denn langes Sitzen verursacht mir oft Rückenschmerzen und geschwollene Füße.

Ich habe diese Woche auch jeden Tag gefrühstückt, was meinem Kreislauf deutlich gutgetan hat. Am Mittwoch holte ich dann morgens meine Prüfung nach – und am Freitag durfte ich mich über die Note 2 freuen.

Nach der letzten Chemo habe ich gemerkt, dass sich meine Augenbrauen und Wimpern langsam verabschieden. Diese Erkenntnis hat mir einen kurzen Nervenzusammenbruch beschert. Mit meiner Glatze musste ich mich abfinden, aber keine Wimpern und keine Augenbrauen zu haben, verändert das Erscheinungsbild noch einmal ganz anders. Ohne Augenbrauen wirkt man meiner Meinung nach einfach viel kränker – zumindest empfinde ich es so. Davor hatte ich tatsächlich mehr Angst als davor, meine Haare am Kopf zu verlieren.

Bei meinen Haaren habe ich lange überlegt, ob ich mir eine Perücke besorgen soll oder nicht. Ich habe auch welche probiert, und sie haben mir wirklich gut gefallen, aber irgendwie war ich mir nie ganz sicher. Mein Freund hat mir gleich zu Beginn gesagt, dass es ihm völlig egal ist, ob ich eine Perücke trage oder nicht – ich solle das machen, womit ich mich am wohlsten fühle. Diese Worte haben mir sehr geholfen, mich letztendlich gegen eine Perücke zu entscheiden.

Ich habe mich auch oft gefragt, warum ich mich anpassen soll, wenn ich nichts für meine Glatze kann. In manchen Situationen nerven die Blicke aus dem Umfeld zwar, aber ich weiß, dass die Menschen es meist nicht böse meinen. Wann sieht man schon eine Frau mit Glatze? Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass manche überlegen, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Darüber muss ich ehrlich gesagt oft lachen. Mein Freund und ich raten dann immer, ob die Leute starren, weil ich eine Glatze habe, oder weil sie über mein Geschlecht spekulieren.

Die jüngere Generation wirkt dabei oft viel weniger irritiert, doch bei Menschen aus einem älteren Semester sieht man richtig, wie es im Kopf rattert. Dazu habe ich auch eine sehr lustige Geschichte – aber die erzähle ich euch ein anderes Mal.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich nicht so tough bin und mir wünsche, einfach „wie eine Frau“ auszusehen. Aber eines habe ich dieses Jahr gelernt: Das Leben ist kein Wunschkonzert.

🤍

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